Tödlich falsches Wetter: Ein Jahr im Leben eines Auftragskillers | Episoden-Roman

Tödlich falsches Wetter

Ein Jahr im Leben eines Auftragskillers

Tödlich falsches Wetter

Ein Jahr im Leben eines Auftragskillers

Veröffentlichung 07. Mai 2026

Erhältlich als Taschenbuch, Hardcover und eBook.

Hast du ihn erkannt?

Es ist natürlich die Rede von meinem alten neuen Lieblingsprotagonisten, von dem ich ständig erzählt habe.

Klappentext

»Ich arbeite diskret. Das Jahr leider nicht.«

Ein Auftragskiller, vier Jahreszeiten und ein Kalender, der es persönlich meint.

In ›Tödlich falsches Wetter‹ wird ein Jahr lang gemordet, improvisiert, geflucht und grandios an den falschen Dingen gescheitert. Die Zielpersonen sind selten das eigentliche Problem. Eher Pollen, Hitze, Schnee, Brauchtum, Tiere, Menschen in Gruppen und Feiertage mit Geltungsdrang.

Schwarzhumorig, knapp und überraschend nachdenklich: Geschichten über einen Mann, dessen Beruf Präzision verlangt, während Wetter, Kalender und der Rest der Welt sich beharrlich einmischen.

Ein Jahr im Leben eines Auftragskillers. Leider kein ruhiges.

Leseprobe

Vorwort

Es gibt Nächte, in denen ich glaube, das Jahr hat meine Adresse.

Nicht die Menschen. Die sind meistens nur Statisten. Nervige, hysterische, überschätzte Statisten, aber eben Statisten. Ich meine das Wetter. Die Jahreszeiten. Die Feiertage, die aussehen wie harmlose Traditionen und dann zuschlagen, sobald man kurz glaubt, der Tag benehme sich.

Ich bin Auftragskiller. Oder das, was davon übrig bleibt, wenn man lange genug draußen steht, während der Himmel entscheidet, ob er dich ertränken, einfrieren oder bei lebendigem Leib garen will. Ich habe gelernt, dass meine Zielpersonen selten das eigentliche Problem sind. Die meisten sterben pünktlich. Das Jahr dagegen arbeitet mit Verzögerungstaktiken, die in keinem vernünftigen Bericht auftauchen sollten.

Der Frühling kommt mit einem Gesicht, das nach Hoffnung aussieht und nach Heuschnupfen schmeckt. Er legt dir Blütenstaub auf die Haut und verkauft es als Geschenk. Ich habe einmal einen Auftrag verloren, weil ich niesen musste. Ein einziger Atemzug zu viel, und der Mann war weg. Der Frühling hat sich natürlich köstlich darüber amüsiert.

Der Sommer ist ein Sadist. Er lässt dich schwitzen, bis du Spuren hinterlässt, die du nicht hinterlassen willst. Er macht die Luft so schwer, dass selbst saubere Abläufe anfangen zu kleben. Und immer, wenn ich denke, ich hätte ihn ausgetrickst, taucht irgendwo ein Sommernachtszauber auf. Fackeln, Musik, Menschen in Leinenhemden, die im Weg stehen wie bezahlte Komparsen.

Der Herbst ist ein Beamter. Kalt, feucht, gründlich. Er nimmt dir die Sicht, den Halt und die Geduld. Er macht aus Wegen Vermutungen und aus jedem Geräusch eine mögliche Demütigung. Und dann schickt er Tiere, die wirken, als hätten sie dienstlich mit der Sache zu tun.

Und der Winter?

Der Winter ist ein Killer.

Er braucht keine Waffe. Er ist eine.

Aber die Jahreszeiten sind nur die vier großen Bosse. Die Feiertage sind die Schlägertrupps. Sie kommen mit Lichtern, Ritualen, Spielmannszügen und plötzlich sehr vielen Menschen, die sich kollektiv genau dort aufhalten, wo man sie am wenigsten brauchen kann. Einmal ist ein Auftrag gescheitert, weil Leute meinten, genau dort einen Maibaum aufstellen zu müssen, wo ich unauffällig verschwinden wollte. Ein anderes Mal habe ich mich verletzt, weil ein Weihnachtsmarkt über Nacht bauliche Tatsachen geschaffen hatte. Und einmal habe ich viel zu lange in einer Hecke gelegen, weil ein Osterhase – ein Mann im Kostüm, aber das macht es nicht besser – direkt vor meiner Deckung eine Pause einlegte.

Manchmal denke ich, das Jahr testet mich.

Manchmal denke ich, es genießt es.

Und manchmal denke ich, es wird mich irgendwann kriegen. Nicht dramatisch. Eher mit Nieselregen, Pollen oder einer schlecht gesetzten Festzeltgarnitur.

Die Geschichten, die du gleich liest, sind keine Rechtfertigung. Ich rechtfertige mich nicht. Sie sind nur ein Protokoll darüber, wie es ist, einen Beruf auszuüben, der ständig von Dingen sabotiert wird, die offiziell nicht einmal Gegner sein dürften. Regen. Frost. Brauchtum. Lichtstimmungen. Tiere. Menschen in Gruppen. Der ganze Rest der Welt eben, sobald er beschließt, mitreden zu wollen. Was erschreckend oft vorkommt.

Wenn du lachst, gut.

Wenn du spürst, dass etwas an diesem Lachen nicht stimmt, besser.

Denn das Jahr lacht auch.

Nur leiser.

Und meistens zuerst.
 

Gezeichnet: Irgendwer mit Schalldämpfer


 

Frühling

Gänse, Garten, Geschäftsrisiko

Es ist Frühling.

Die Natur erwacht.

Ich auch. Nach einem Allergieschub und einem Albtraum mit Elchen, in dem einer von ihnen ein Ringlicht getragen und mich sehr ruhig verurteilt hat. Offenbar verarbeitet mein Unterbewusstsein inzwischen beruflich.

Diesmal soll es ein kleiner Job sein. Nichts mit Kartellboss, Waffenschieber oder Sektenheini mit Privatbunker. Nur ein Botaniker mit dubioser Vergangenheit. Er hat irgendwas mit Pestiziden gemacht. Oder gegen Pestizide. Oder er war am Ende selbst eine Art Pestizid in Cordhose. Ich weiß es nicht. Ich bin nicht für moralische Einordnung zuständig. Ich bin hier, um das Kapitel zu beenden. Mit Punkt. Oder Schalldämpfer.

Die Location ist ein unscheinbares Haus am Waldrand. Irgendwo zwischen Feld, Wiese und der Frage, warum zur Hölle es hier keine Straße gibt, die diesen Namen verdient. Ein Kiesweg, ein Zaun, viel Grün, zu viel Vogelgesang. Der Himmel ist blau. Die Luft riecht nach feuchter Erde, Blütenstaub und diesem aggressiv gesunden Frühjahrsgeruch, der einem sofort klarmacht, dass der Körper jetzt bitte wieder aktiv und lebensbejahend zu funktionieren hat.

Ich hasse Frühling.

Er tarnt sich als Neuanfang. In Wahrheit wirft er dir Blütenstaub ins Gesicht und erwartet, dass du dankbar niest.

Ich schleiche mich übers Grundstück. Links ein frisch angelegtes Tulpenbeet. Rechts eine Terrasse. Kräutertöpfe. Vogeltränke. So ein Ort, an dem Menschen freiwillig Samen kaufen und dann von Anzuchterde reden, als sei das keine Krankheit.

Gerade wende ich mich der Terrasse zu, als mir etwas Blühendes durch die Nase ins Hirn kriecht. Dieser feine, gelbe Dreck, den der Frühling als Romantik bezeichnet. Ich halte den Atem an, kneife die Augen zusammen und warte, bis der Nieser vorbeizieht.

Dann höre ich es.

»Honk.«

Ich bleibe stehen.

Ganz langsam drehe ich den Kopf.

Da steht sie.

Weiß. Breitbeinig. Aufrecht. Die Augen kalt wie unbezahlte Rechnungen. Eine Gans. Nicht groß im eigentlichen Sinn, aber ausgestattet mit jener Art übertriebener Selbstgewissheit, die Körpermasse oft unnötig macht.

Sie starrt mich an, als hätte ich gerade ihre Eier geklaut, ihre Hecke zertrampelt und anschließend online eine mittelmäßige Bewertung hinterlassen.

Ich mache einen vorsichtigen Schritt zur Seite.

»HONK.«

Jetzt kommt eine zweite Gans dazu. Dann eine dritte. Zwei weitere von hinten. Offenbar ist Frühling hier nicht die Zeit der Blumen, sondern die Hauptsaison organisierter Einschüchterung.

Ich bin umzingelt.

Es ist erstaunlich, wie schnell ein Garten zu einem Gerichtsverfahren werden kann.

Ich hebe die Hände ein Stück, nur um die allgemeine Stimmung nicht noch weiter zu verschlechtern.

»Ich will nur den Typen im Haus«, sage ich leise. »Kein Stress.«

Das Geflügelkartell antwortet synchron. Schnattern, Starren, eine geschlossene Front aus Federkleid und Missbilligung. Es klingt wie ein Ausschuss, der meinen Antrag ohne Begründung ablehnt.

Ich versuche auszuweichen.

Die erste Gans geht mit.

Ich gehe schneller.

Sie auch.

Ich gehe noch schneller.

Sie wird laut.

Von hinten höre ich dieses stampfende, entschlossene Watscheln, das überraschend viel von einem mittelständischen Übergriff hat. Ich packe in die Jackentasche, werfe ein Brötchen. Alte Gewohnheit. Man weiß nie, wann man Bestechungsmaterial braucht.
Fehler.

Ein schwerer Fehler.

Entweder war das Brötchen eine Beleidigung oder ich habe damit offiziell den Jagdbeginn eingeläutet. Auf jeden Fall setzt jetzt die ganze Truppe zur Verfolgung an.

Ich fliehe Richtung Terrasse, nehme einen kleinen Zaun zu spät wahr, springe drüber, bleibe mit der Hose hängen wie ein Anfänger und lande unvorteilhaft mitten in einem Blumenbeet, das sich anfühlt wie die blühende Faust des Frühlings. Erde spritzt. Zwei Tulpen knicken ab. Mein linker Schuh verschwindet halb in feuchter Erde und gärtnerischer Selbstverwirklichung.
Meine Knie tun weh. Mein Stolz auch.

»Natürlich«, murmele ich. »Wenn schon Demütigung, dann wenigstens saisonal passend.«

Die Gänse bleiben vorm Zaun stehen. In einer Reihe. Aufmerksam. Aufrecht. Wie Security, die bereits entschieden hat, dass ich hier nicht auf die Gästeliste gehöre.

Ich richte mich auf und wische mir Erde von der Hose.

Drinnen im Haus gießt der Botaniker Basilikum. Ich sehe ihn durch die offenstehende Terrassentür. Cordhemd, schmale Schultern, Brille, dieser leicht gehetzte Blick von Leuten, die in Interviews von komplexen Zusammenhängen reden und damit meinen, dass andere für ihre Fehler sterben.

Er sieht mich.

Ich lächle.

Reflex. In Stresssituationen lächle ich, wie andere Leute schreien.

Er schreit.

Ich ziehe die Waffe hoch.

Der Botaniker verschwindet aus meinem Blickfeld.

Ich will hinterher.

Etwas streift meinen Kopf.

Ein Blumentopf.

Er zerschellt dekorativ neben mir auf den Terrassenplatten und verteilt Erde, Keramiksplitter und Rosmarin in einem Radius, der fast schon liebevoll wirkt.

Bevor ich reagieren kann, kommt die Gießkanne. Ein sauberer Schwall Basilikumwasser schwappt mir über Schulter und Brust. Ich rieche plötzlich wie ein misshandeltes Pesto. Selbst Gegenwehr hat hier Frühlingsaroma.

»Natürlich«, murmele ich.

Dann kommt eine Gans geflogen.

Nicht lebendig.

Eine Deko-Gans aus Keramik, lebensgroß, bemalter Schnabel, arrogant gekrümmter Hals. Ein erstaunlich realistisches Abbild der Bande hinter mir. Sie trifft mich hart vor der Brust und zerbricht in zwei sehr beleidigte Hälften.

Ich starre kurz auf die Scherben zu meinen Füßen.

»Natürlich«, sage ich noch mal. »Er wirft mit Gänsen.«

Und ist dabei treffsicherer als die Hälfte meiner Kollegen.

»Sie sind aber empfindlich!«, ruft der Botaniker aus dem Haus und verschwindet tiefer hinein.

»Ja«, sage ich. »Heute schon.«

Dann setze ich nach, renne durch die Terrassentür. Weg vom Federgericht draußen, das sich in Rage honkt und die Verfolgung kommentiert, und rein in dieses friedlich eingerichtete Biotop aus Holz, Kräutern und latentem Sendungsbewusstsein.

In der Küche stolpere ich über einen Korb mit Tulpenzwiebeln. Natürlich.

Im Flur steht ein Schild mit der Aufschrift: ›Bitte Schuhe ausziehen.‹

Ich laufe drüber.

Ich habe heute schon genug Schmerzen. Da muss ich nicht auch noch höflich sein.

Mein Ziel finde ich im Arbeitszimmer. Papierstapel. Bücher. Etikettierte Probenröhrchen. Ein Mikroskop, das so teuer aussieht, dass es eine eigene Steuerklasse verdient. Der Botaniker fummelt hektisch in einer Schublade, greift nach etwas. Nicht nach einer Waffe, nach einem Ordner. Das wirkt fast noch gefährlicher.

Solche Leute glauben bis zuletzt, sie könnten sich mit Dokumentation retten. Als würde ein sauber abgehefteter Aktenvermerk den Lauf der Dinge beeindrucken.

Er dreht sich zu mir um. Schweiß auf der Stirn, Erde am Ärmel.

»Sie verstehen das nicht«, sagt er.

»Stimmt«, sage ich. »Muss ich auch nicht.«

Dann tue ich, wofür ich da bin. Kurz. Präzise. Kein Theater.

Der Botaniker klappt zusammen wie ein zu schnell gefalteter Campingstuhl. Ein paar lose Blätter segeln vom Tisch. Das Mikroskop bleibt stehen. Draußen honkt eine Gans so schrill, als fände sie den Schlusspunkt stilistisch nicht ganz rund.

Natürlich. Mit dem Ende ist in meinem Beruf selten das Ende gemeint.

Ich werfe mir den Botaniker über die Schulter wie eine schlechte Entscheidung in Cord. Er ist leichter als er aussieht, was kein Kompliment für seinen Lebenswandel ist. Bei jedem Schritt federt er unerquicklich gegen meinen Rücken.

Draußen ist das Licht noch schöner geworden. Natürlich. Der Frühling liebt es, einen ästhetisch korrekt zu demütigen.
Ich gehe über die Terrasse, durchs Tulpenbeet und Richtung Auto.

Und da sitzen sie.

Fünf Gänse.

Direkt vor meinem Wagen.

In einer Reihe.

Still.

Es ist diese Art Stille, die nicht nach Ruhe aussieht, sondern nach Beschlusslage. Wie ein ausgerufener Streik, nur ohne Plakate und mit deutlich besserem Rückgrat.

Ich bleibe stehen.

Die erste Gans kippt minimal den Kopf. Sie sagt eindeutig: »Versuch’s ruhig.«

Ich sehe das Auto an.

Ich sehe die Gänse an.

Ich sehe den Botaniker über meiner Schulter an. Er hilft auch nicht.

»Na los«, murmele ich. »Machen wir’s peinlich.«

Ich setze einen Schritt vor.

»Honk.«

Nicht laut. Nicht hysterisch. Eher amtlich. Das ist kein Geräusch mehr. Das ist ein Bescheid.

Ich gehe trotzdem noch einen Schritt.

Zwei Gänse rücken im Gleichschritt vor. Bedrohlich langsam. So langsam, dass genug Zeit bleibt, die ganze Verachtung darin zu würdigen.

Ich bleibe stehen.

Spätestens jetzt ist klar, wer hier das Wegerecht hat.

Ich bin Profi. Aber ich bin nicht dumm.

Wer gegen Gänse kämpft, hat schon verloren, bevor der erste Flügel im Gesicht landet.

Ich schleppe den Botaniker zurück ins Tulpenbeet und lege ihn dort ab. Ordentlich genug, um als fachgerechter Einpflanzversuch durchzugehen. Die Blumen werden es ihm nicht danken, aber niemand hat mich nach Botanik gefragt.

Die Gänse beobachten alles. Mit dieser kalten, gefiederten Selbstverständlichkeit von Wesen, die nie an ihrer Zuständigkeit gezweifelt haben.

»Zufrieden?«, frage ich.

Die vorderste Gans blinzelt.

Ich werte das als Ja. Immerhin.

Ich wische mir über die Stirn. Schweiß. Oder Pollen. Schwer zu sagen.

Dann gehe ich zum Gartenzaun, setze mich auf die Kante und sehe zu meinem Auto hinüber, das vielleicht acht Meter entfernt steht und sich anfühlt wie unerreichbares Ausland.

Ich ziehe einmal tief Luft ein und bereue es sofort.

Blütenstaub in der Nase, Kräuterduft im Gesicht, feuchte Erde unter mir. Überall sprießt, summt und blüht etwas, als hätte die Welt kollektiv beschlossen, heute besonders lebendig zu sein. Die Luft ist voll Pollen, die Beete voll Hoffnung, der Himmel zu blau für meine Laune. Die ganze Jahreszeit steht da wie ein Vorwurf und tut so, als ginge es bergauf.

Nur ich sitze auf einem Zaun und werde von Wasservögeln und Botanik beruflich ausgebremst.

Ich reibe mir die nasse Schulter.

Eine Gans schnattert.

Natürlich.

Sie lacht.

Ich sehe noch einmal zum Tulpenbeet, in dem mein Auftrag liegt wie ein sehr spezieller Dünger. Dann zum Auto. Dann zu der weißen Front davor.

Manche Gegner blühen, andere honken.

»Nie wieder Gänse«, murmele ich.

Sie schauen mich weiter an, als wollten sie das schriftlich.

In meiner Nase kitzelt es. Ich ziehe das Taschentuch raus und niese so heftig, dass mir kurz schwarz vor Augen wird.
Ich blinzle in den blauen Himmel.

»… und nie wieder Frühling.«

 

Frühling · Feiertage und andere Sabotageversuche 

Ostern: Deckung

Ich habe einen Treffpunkt. Ich habe eine Uhrzeit. Ich habe ein Ziel.

Ein Mann, der irgendwo Kinderhilfe auf dem Papier und Konten in der Realität hat. Genau die Sorte Mensch, bei der niemand lange nachfragt.

Das Ziel kommt pünktlich aus dem Bürogebäude. Mantel zu ordentlich, Aktentasche zu schwer. Er bleibt kurz unter der Kamera am Eingang stehen, nickt dem Pförtner zu und geht mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes los, dem sogar die Uhrzeit gehört.

Ich gehe ebenfalls los.

Er merkt nach wenigen Schritten, dass er nicht allein ist. Sein Tempo ändert sich. Kein Sprint. Ein kontrolliertes Weggleiten. Leute wie er rennen nicht. Sie verschwinden.

Er steuert den Park an.

Menschen. Bewegung. Deckung.

Bunte Bänder hängen zwischen Bäumen. Kinder tragen Körbe, Eltern stehen mit Kaffeebechern herum. Eine Frau mit Mikrofon steht auf einer Kiste und erklärt mit zu viel Begeisterung die Regeln einer Ostereiersuche. Die Luft riecht nach nasser Erde und Zucker.

Mein Ziel taucht in die Menge, passt seinen Gang an, senkt die Schultern, setzt ein Lächeln auf, das er bestimmt auswendig gelernt hat. Er spielt ›unauffällig‹. Er spielt es gut.

Ich halte Abstand und bleibe dran.

Er wechselt die Richtung, nutzt Rücken und Kinderwagen wie Wände. Einmal sehe ich ihn neben einer Bank stehen, dann wieder nur den Mantel zwischen zwei Familien.

Die Frau mit Mikrofon brüllt: »Und los!«

Der Park kippt.

Kinder rennen. Eltern rennen hinterher, nur mit weniger Würde. Ein Rentner macht Beweisfotos. Natürlich. Überall gehen Leute in die Hocke, greifen unter Bänke, in Büsche, zwischen Wurzeln. Alles bewegt sich. Nichts ist geordnet.

Mein Ziel nutzt den Moment. Er zieht nach links, dann nach rechts, dann nach hinten. Er beugt sich kurz, hebt ein Plastikei auf und hält es hoch, als gehöre er dazu.

Ein Kind sieht es und stürzt auf ihn zu. »MEINS!«

Er streckt es ihm entgegen. Zu schnell, zu freundlich. Das Kind reißt es ihm aus der Hand und rennt weiter. Er lächelt, sauber gesetzt.

Neben mir durchsucht ein Vater konzentriert das Gebüsch.

»Man will ja helfen«, sagt er entschuldigend.

Ich nicke und sehe mich unwillkürlich selbst um. Hinter einem Baum liegt ein weiteres Ei. Halb versteckt. Ich greife im Vorbeigehen danach. Der Tarnung wegen. Wer sich hier nicht bückt, fällt auf.

Ein anderes Kind schießt heran, bremst vor mir und schaut empört. »Das hab ich zuerst gesehen!«

»Ganz sicher«, sage ich und trete zurück.

Das Kind nimmt das Ei, jubelt, rennt weg.

»Das war nett von Ihnen.« Eine Mutter greift nach meinem Ärmel und zieht mich aus der Bewegung. »Können Sie kurz aushelfen? Ich schaffe das nicht mit zwei Kindern.«

Sie drückt mir einen Korb in die Hand.

Am anderen Griff hängt ein kleines Mädchen, keine fünf. Große Augen. Hoffnungsvoll. Sie sieht mich an wie ihre letzte Chance auf Schokolade.

»Ich habe keine …« beginne ich.

»Sie machen das schon«, sagt die Mutter und ist bereits weg, mit dem Zweijährigen unter einem Busch verschwunden. Das muss man Menschen lassen: Sie delegieren schnell.

Ich schaue auf das Mädchen. Ich schaue auf meinen Zielmann. Der ist dem Ausgang gefährlich nahe.

Die Kleine stehen lassen geht nicht. Nicht in diesem Park. Nicht heute.

»Komm«, sage ich zu ihr. »Wir suchen da drüben.«

Sie nickt sofort. So vertrauensvoll, dass es mir kurz unangenehm wird.

Wir gehen los und ich nutze es.

Mit einem Kind am Korb wirkt man hier nicht verdächtig. Man wirkt integriert. Man wird nicht angerempelt, sondern durchgewunken. Eltern machen Platz. Kinder beachten mich nicht. Sie beachten nur Eier.

Ich sehe meinen Zielmann wieder. Fünfzehn Meter. Zehn. Er bewegt sich jetzt schneller. Er merkt, dass ich dranbleibe.

»Da!« sage ich und deute auf ein Ei unter einem Strauch. Das Mädchen quietscht, kniet sich hin, zieht es hervor und legt es in den Korb wie ein Beweisstück.

Ich gehe weiter.

Noch ein Ei. Noch eins. Der Korb wird schwerer. Das Mädchen ernsthafter.

»Wie viele haben wir?«, fragt sie.

»Zähl mal«, sage ich.

Sie beugt sich über den Korb und zählt laut. Ich höre nur halb zu. Ich sehe meinen Zielmann.

Er dreht den Kopf, sucht mich in der Menge. Findet mich nicht sofort, weil ich gerade offiziell ein Ostereier-Mann bin.

Dann sieht er mich. Näher, als ihm lieb ist.

Jetzt setzt er doch zu einem Sprint an und tritt auf ein Plastikei.

Der Fuß rutscht weg. Er fängt sich, stolpert gegen einen Pfosten mit Absperrband. Das Band fällt. Menschen schrecken zurück. Drei Kinder rennen genau in seinen Weg, weil sie glauben, dort liegen noch mehr Eier.

Er kann nicht weiter, ohne jemanden umzustoßen.

Er hebt die Hände, will sich rausdrehen. Zu spät. Der Ring aus Kindern und Eltern ist dicht. Jeder Schritt würde auffallen.

»Bleib hier und zähl noch mal«, sage ich leise zu meinem Mädchen. »Ich helfe kurz dem Mann da.«

»Welchem Mann?«

»Dem, der sich verlaufen hat.«

Sie nickt, als wäre das völlig logisch.

Ich löse meine Hand vom Korb, gehe zwei Schritte schneller und bin hinter meinem Ziel.

Nah genug.

Und ich habe das, was ich brauche: Alle Augen schauen nach unten.

Ich erledige den Auftrag kurz und präzise, mitten in der allgemeinen Suche. Kein Theater.

Er sackt weg.

Ein erschrockenes Aufkeuchen der Umstehenden. Dann liefern sie die passende Erklärung, weil Menschen Erklärungen lieben.

»Kreislauf!«

»Zu viel Aufregung!«

»Der Arme!«

Ein Vater kniet sich neben ihn hin. Jemand ruft nach Sanitätern. Die Frau mit Mikrofon redet weiter, weil Ostern nicht warten kann.

Ich gehe zurück.

Das Mädchen steht noch da, den Korb fest im Griff.

»Du bist wieder da«, sagt sie.

»Ja«, sage ich. »Wie viel hast du gezählt?«

»Neunzehn. Oder dreißig.«

»Sehr gut gesucht.«

Sie strahlt, stolz wie ein Kleinkind kurz vorm Zuckerschock.

In dem Moment kommt die Mutter zurück, atemlos, Zweijähriger auf dem Arm.

»Oh!« Sie blickt in den Korb. Ihre Augen werden groß. »Meine Güte …«

Das Mädchen sagt: »Der Mann hat alle gefunden und ich habe sie eingesammelt.«

Die Mutter sieht mich an. »Ich wusste doch, dass Sie der Richtige für den Job sind«, sagt sie warm.

Ich nicke, weil das in meinem Leben selten jemand sagt. Und weil es heute, auf eine seltsame Weise, sogar stimmt.

Den Korb gebe ich ihr zurück, drehe mich um.

»Warte«, ruft das Mädchen. Es greift in den Korb, wühlt kurz, zieht ein Ei heraus und hält es mir hin. »Für dich. Weil du geholfen hast.«

Ich nehme es. Es ist leicht und klapprig.

»Danke«, sage ich. Und meine es sogar.

Ich gehe zum Parkplatz und fühle für eine Sekunde etwas, das verdächtig nach Zufriedenheit aussieht.

Zwei Jobs gleichzeitig erledigt. Einer davon gesellschaftlich anerkannt.

Im Auto tippe ich: ›Erledigt.‹

Pause.

Dann: ›Ziel suchte Deckung.‹

Noch eine Pause.

›Deckung bestand aus Ostern.‹

Pause.

›Bonus: Ei erhalten.‹

Als ich den Motor starte, höre ich vom Park her ein Kind schreien: »GEFUNDEN!«

Der Rettungswagen fährt ab.

Die Suche läuft weiter.

 

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